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Leistungstest Rudern: RV Rauxel Athleten überzeugen in Dortmund

Die traditionsreiche DRV-Langstrecke in Dortmund markierte am ersten Adventswochenende 2025 den Auftakt der Saison für die deutsche Ruderelite. Vom 29. bis 30. November stellten sich über 200 Bundeskaderathleten sowie Nachwuchsruderer der ersten ernsthaften Formüberprüfung des Wintertrainings. Vom Ruderverein Rauxel waren mit Noel Jaschke und Jannis Petzel zwei Athleten am Start, die beide bemerkenswerte Leistungen zeigten und wichtige Akzente für ihre weitere sportliche Entwicklung setzten.

Der Leistungstest: Tradition und Bedeutung

Die Dortmunder Langstrecke ist seit Jahrzehnten die erste zentrale Kaderüberprüfung des Deutschen Ruderverbandes und findet traditionell am ersten Adventswochenende statt. Der Test gliedert sich in zwei anspruchsvolle Disziplinen: Am Samstag absolvieren die Athleten 2.000 Meter auf dem Ruderergometer im Bundesstützpunkt Dortmund – ein kompromissloser Härtetest für maximale anaerobe Leistungsfähigkeit. Am Sonntag folgt die Langstrecke über 6.000 Meter auf dem Dortmund-Ems-Kanal, bei der vorwiegend im Einer gerudert wird.

Diese Kombination macht die besondere Herausforderung der Dortmunder Langstrecke aus. Sie gibt einen frühen und häufig überraschend klaren Blick auf die Formkurven der Athleten und dient als wichtiger Indikator für die Saison 2026. Für Nachwuchsathleten und Quereinsteiger hat die Veranstaltung seit der Änderung der Kaderrichtlinien im vergangenen Jahr noch an Bedeutung gewonnen: Mit zwei guten Leistungen an beiden Tagen können sie den Bundeskader-Status erwerben und werden damit zu zentralen Lehrgängen des A-Bereichs eingeladen.

Die Aufnahme in den NK1-Kader (Nachwuchskader 1) ist besonders für junge Athleten ein wichtiger Meilenstein. Der NK1 umfasst grundsätzlich Sportler mit einer mittel- bis langfristigen Perspektive für die Integration in die A-Nationalmannschaft. Für die Aufnahme sind herausragende Leistungen bei der Langstrecke und dem Ergotest erforderlich, insbesondere eine Platzierung unter den besten 40 Prozent des Teilnehmerfeldes.

Noel Jaschke: Extremwerte und Kadererfolg

Für den 20-jährigen Noel Jaschke vom RV Rauxel wurde das Wochenende in Dortmund zu einem wahren Kraftakt mit beeindruckenden physiologischen Höchstwerten. Der Wirtschaftswissenschaftsstudent der TU Dortmund hatte sich gezielt auf diese Leistungsüberprüfung vorbereitet – nach vier Monaten intensiven Trainings stand nun die Bewährungsprobe an.

Samstag: Ergotest mit extremen Laktatwerten

Beim 2.000-Meter-Ergometertest am Samstag zeigte Jaschke eine bemerkenswerte Leistung. Mit einer Zeit von 6:08,9 Minuten erreichte er Rang 43 von 123 gestarteten Athleten im Männerbereich A. Dies entspricht einer Platzierung im oberen Drittel eines hochklassig besetzten Feldes, in dem unter anderem Ole Hanack (5:50,1 Minuten) und Marc Weber (5:54,7 Minuten) die Spitzenplätze belegten.

Was den Ergotest jedoch wirklich außergewöhnlich machte, waren die gemessenen Laktatwerte. Jaschke belastete sich komplett aus: "Innerhalb der Strecke ging auch nichts mehr, ich habe mich komplett ausbelastet", berichtete er. Bei der routinemäßigen Laktatmessung nach dem Test wurde ein maximaler Wert von 29,1 mmol/l festgestellt – ein extrem hoher Wert, der auf eine massive anaerobe Belastung hinweist.

Zum Vergleich: Bei hochintensiven Ruder-Belastungen werden typischerweise Laktatwerte von 17-20 mmol/l gemessen. Werte über 25 mmol/l sind äußerst selten und zeugen von einer extremen Ausbelastung. Der 2007 gemessene Höchstwert bei einem Hochleistungsruderer lag bei 28 mmol/l, was Jaschkes Wert von 29,1 mmol/l in einen besonderen Kontext rückt.

Aufgrund dieses außergewöhnlich hohen Wertes wurde Jaschke vom Regattaarzt zur Nachkontrolle gebeten. Der junge Athlet hatte bereits 90 Minuten nach der Abnahme mit dem Ausfahren begonnen, als sein Trainer ihn zurückrief. Die Sorge war berechtigt: Bei Laktatwerten über 10 mmol/l kann es zu einer spürbaren Übersäuerung der Muskulatur kommen, die mit Schmerzen und Muskelkrämpfen einhergehen kann. Der Regattaarzt kontrollierte, ob sich der Laktatwert wieder gesenkt hatte – und tatsächlich war der Restwert auf nur noch 1,5 mmol/l abgesunken, was im normalen Ruhebereich liegt.

Diese schnelle Laktat-Elimination ist ein positives Zeichen und deutet auf eine gute aerobe Kapazität hin. Der Körper war in der Lage, das angehäufte Laktat effizient abzubauen – ein Indikator für einen gut entwickelten aeroben Stoffwechsel.

Sonntag: Solide Langstreckenleistung trotz Vorbelastung

Am Sonntag stand die 6.000-Meter-Langstrecke auf dem Dortmund-Ems-Kanal an. Trotz der extremen Belastung vom Vortag bereitete sich Jaschke sorgfältig vor und ging noch einmal aufs Wasser, um sich auf die Langstrecke vorzubereiten. "Natürlich taten die Beine ein wenig weh", räumte er ein.

Der Start war um 10:56 Uhr angesetzt. Jaschke hatte mit seinem Trainer "Kampi" eine klare Strategie besprochen: Liveansagen der Zwischenergebnisse sollten ihm während des Rennens zeigen, wie viele Sekunden Abstand er auf die nächstführenden Athleten hatte. Diese Strategie funktionierte: "Innerhalb der Strecke habe ich dann sehr gut in meinen Flow gefunden, es lief wirklich sehr sehr gut", berichtete Jaschke.

Besonders motivierend war die Zwischeninformation, dass er auf dem 17. Platz lag. Dies pusht ihn zu noch mehr Engagement. Allerdings fühlten sich die Beine "nicht so fit" an, sodass er sich etwas zügeln musste. "Ich bin schon mutig gefahren aber nach der Strecke war mir bewusst, es wäre noch ein wenig mehr gegangen", reflektierte er selbstkritisch.

Das wichtigste Ziel hatte er jedoch erreicht: Mit dem kombinierten Ergebnis aus Samstag und Sonntag qualifizierte sich Jaschke für den NK1-Kader. Um diesen Status zu erreichen, musste er unter die besten 40 Prozent des Teilnehmerfeldes kommen – eine Hürde, die er erfolgreich meisterte.

"Ziel war es unter die ersten 40% zu kommen, um sich den NK1 Kader zu verdienen. Den habe ich mir auch mit dem Ergebnis am Samstag und dem Ergebnis am Sonntag verdient", erklärte Jaschke stolz. "Insgesamt würde ich sagen, war das Wochenende ein sehr gutes Ausrufezeichen für meine steigende Leistung und eine Bestätigung für die harte Arbeit."

Ausblick: Nächste Herausforderungen

Für Jaschke heißt es nun "ab ins Wintertraining". Die nächste Leistungsüberprüfung findet Ende März statt und wird erneut anspruchsvoll: 2.000 Meter auf dem Ergometer und 6.000 Meter auf dem Wasser in Leipzig stehen dann auf dem Programm. Mit dem erreichten NK1-Kaderstatus hat sich Jaschke eine hervorragende Ausgangsposition für die weitere Saison erarbeitet.

Jannis Petzel: Comeback nach Krankheit

Der zweite RV Rauxel Athlet beim Dortmunder Leistungstest war Jannis Petzel, geboren 2008. Für den jungen Nachwuchsruderer waren die Voraussetzungen allerdings deutlich schwieriger als für seinen Vereinskollegen.

Petzel kam aus einer längeren Krankheitsphase, aus der er erst eine Woche vor der Langstrecke wieder herauskam. Diese Vorbelastung machte sich bereits beim Ablegen bemerkbar: "Ich habe mich schon beim Ablegen noch relativ schwach gefühlt aufgrund der langen Krankheitsphase", berichtete er ehrlich.

Der Start verlief entsprechend schwierig. "Nach dem Start bin ich relativ schnell schlapp geworden und ich hatte das Gefühl das wird nichts", beschrieb Petzel seine Situation während des Rennens. Die fehlende Trainingsgrundlage durch die Krankheit machte sich auf der langen Strecke deutlich bemerkbar.

Trotz dieser widrigen Umstände zeigte Petzel Durchhaltevermögen und kämpfte sich bis ins Ziel. Seine Erwartungen waren nach der Krankheitsphase bewusst nicht hoch angesetzt worden, was eine realistische Selbsteinschätzung zeigt. "Wenn ich über das Rennen nachdenke bin ich relativ zufrieden mit dem Ergebnis wobei die Erwartungen nach der Krankheitsphase wirklich nicht hoch waren", resümierte er.

Petzels Leistung zeigt die mentale Stärke eines jungen Athleten, der trotz ungünstiger Voraussetzungen den Wettkampf durchzog und wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Bei den Krefelder Ruder-Regatten 2025 zeigte Petzel bereits sein Potenzial mit einem Golderfolg im Junioren-Einer "C"-Finale, was als starkes Signal für die Nachwuchsarbeit des RV Rauxel gewertet wurde.

Die physiologische Dimension: Laktatdiagnostik im Rudersport

Die bei Jaschke gemessenen extremen Laktatwerte verdienen eine genauere Betrachtung, da sie die physiologischen Anforderungen des Rudersports verdeutlichen. Der Laktattest ist eines der bekanntesten leistungsdiagnostischen Verfahren im Ausdauersport und wird besonders bei Ruderern eingesetzt.

Was ist Laktat?

Laktat (Milchsäure) entsteht als Stoffwechselprodukt bei der anaeroben Energiegewinnung, also wenn der Körper unter Belastung mehr Energie benötigt, als über den aeroben (sauerstoffabhängigen) Stoffwechsel bereitgestellt werden kann. Im Rudersport, insbesondere auf der klassischen 2.000-Meter-Distanz, handelt es sich um eine partiell anaerobe Belastung, bei der Laktatwerte von 17-20 mmol/l typisch sind.

Die Laktatkonzentration in Körperruhe beträgt bei Ausdauersportlern durchschnittlich 0,8 mmol/l, der Referenzbereich liegt zwischen 0,5 und 2,2 mmol/l. Bei zunehmender Belastung steigt die Laktatkonzentration an, wobei verschiedene Schwellenwerte unterschieden werden:

- **Aerobe Schwelle (Laktatschwelle, LT)**: Der Punkt, an dem die Laktatkonzentration im Blut erstmals messbar über den Ruhewert ansteigt
- **Individuelle anaerobe Schwelle (IANS)**: Wird häufig durch Addition einer "Laktatkonstante" von 1,5 mmol/l zur Laktatschwelle berechnet
- **Fixe Schwellenwerte**: Oft werden Werte von 2 mmol/l oder 4 mmol/l als Orientierungspunkte verwendet

Bei hochintensiven Belastungen wie einem 2.000-Meter-Ergometertest können Spitzenwerte deutlich über 10 mmol/l erreichen. Jaschkes Wert von 29,1 mmol/l liegt am oberen Ende des physiologisch Möglichen und wurde nur selten dokumentiert.

Bedeutung für die Trainingssteuerung

Die Laktatdiagnostik dient mehreren Zwecken:

1. Bestimmung der aktuellen Leistungsfähigkeit: Die Laktatkonzentration bei verschiedenen Belastungsstufen gibt Aufschluss über den Trainingszustand
2. Ermittlung optimaler Trainingsbereiche: Durch die Bestimmung der Schwellenwerte können individualisierte Trainingsherzfrequenzen festgelegt werden
3. Verlaufskontrolle: Regelmäßige Tests (alle 3-4 Monate empfohlen) zeigen den Trainingsfortschritt
4. Wettkampftempoermittlung: Die Testergebnisse helfen bei der Festlegung realistischer Wettkampfziele

Für Ruderer ist besonders relevant, dass sich durch Training die Laktatkurve nach rechts verschieben kann – das bedeutet, dass bei gleicher Belastung weniger Laktat anfällt, was eine verbesserte Ausdauerleistungsfähigkeit signalisiert. Eine Absenkung und Rechtsverschiebung der Laktatkurve deutet zusätzlich auf eine Verbesserung des aeroben Stoffwechsels, insbesondere des Fettstoffwechsels, hin.

Fazit und Ausblick

Das erste Adventswochenende 2025 in Dortmund war für die beiden RV Rauxel Athleten in unterschiedlicher Weise erfolgreich. Noel Jaschke setzte mit seiner Kaderqualifikation ein deutliches Ausrufezeichen für seine steigende Leistungsfähigkeit. Die extremen Laktatwerte zeigten, zu welcher physiologischen Ausbelastung er fähig ist, während die schnelle Erholung eine gute metabolische Grundlage dokumentierte.

Jannis Petzel bewies trotz der schwierigen Ausgangssituation nach seiner Krankheit mentale Stärke und sammelte wertvolle Wettkampferfahrung. Für den jungen Nachwuchsruderer liegt der Fokus nun darauf, wieder eine solide Trainingsgrundlage aufzubauen und sich für die kommenden Wettkämpfe zu rüsten.

Die Dortmunder Langstrecke hat einmal mehr ihre Bedeutung als erste ernsthafte Standortbestimmung der Saison unter Beweis gestellt. Mit mehr als 200 Kadersportlern war die Veranstaltung eine Herausforderung, die vom Organisationsstab des RC Hansa Dortmund perfekt organisiert wurde.

Für beide Athleten heißt es nun: ab ins Wintertraining. Die nächsten Leistungsüberprüfungen werden zeigen, wie sich die beiden RV Rauxel Ruderer weiterentwickeln. Noel Jaschke wird im März in Leipzig erneut über 2.000 Meter auf dem Ergometer und 6.000 Meter auf dem Wasser antreten müssen, während Jannis Petzel die Zeit nutzen kann, um nach seiner Krankheit wieder zu alter Form zurückzufinden.

Der RV Rauxel kann stolz auf beide Athleten sein – sie repräsentieren die erfolgreiche Nachwuchsarbeit des Vereins und stehen in einer langen Tradition von Spitzensportlern, die auf der Wartburginsel ihre Heimat gefunden haben.